20.06.06
Man lernt nie aus und das Leben ist voller Überraschungen, auch wenn man schon ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Dass ich der Größte bin, ist mir seit mindestens 33 Jahren bewusst, dem Zeitpunkt also, als ich anfing, meinen älteren Bruder zu überragen, jetzt aber ist ein neues Attribut hinzugekommen.
Gewiss, ich weiß, dass ich nicht mehr der Jüngste bin, aber neulich bekam ich zu hören, ich sei auch der Älteste, was mich schon ein wenig irre machte; allein die Tatsache, dass ich rein körperlich noch nicht am Stock gehe und bei mir ob des "hohen Alters" auch ein großer Schatz an Menschenkenntnis vorhanden ist, hat mir geholfen, mit dieser neuen Tatsache fertig zu werden. Man tut was man kann, und ich habe es mit jeder Faser meines Körpers getan!
Wir wissen, Kommunikation ist alles, und so möchte ich gerne gestehen, dass ich mich momentan nicht an das alte Bibelwort der Bergpredigt halte: "Deine Rede sei Ja, Ja und Nein, Nein!" (Mt.5,37) Aber, dieses ist sowieso von vorgestern und wohl nur ein frommer Wunsch, oder gibt es irgendwo Männer, die im Ernst verstehen, was ihre Frauen wollen? Und umgekehrt? Auch nicht besser. Also will ich diesem nebulösen Zustand ein Ende bereiten und laut "Ja, Ja, Ja!" rufen. Wem hier immer noch der Durchblick fehlt sei Langenscheids Wörterbuch empfohlen, es mag sein, dass es der lange verloren gegangene Schlüssel zum Himmelreich ist.
Kürzlich hatte ich das große Vergnügen, an einem Wochenende etwas über Metallverarbeitung zu lernen. Ich muss gestehen, ich hatte die Fähigkeiten, die in diesem Werkstoff stecken, stark unterschätzt. Gelernt habe ich, dass es sich auch hier um die Fähigkeit der Kommunikation dreht; man muss quasi mit seinem Werkstück verschmelzen, will man es nicht von vorne herein zu Klump hauen. Eisen ist eine komische Sache, man irrt, wenn man glaubt, der dicke Hammer allein würde es formen können. Nein, erst muss es in geduldiger Arbeit heiß gemacht werden, was viel Fingerspitzengefühl erfordert. Stimmt die Temperatur nicht, kann schon der kleinste Schlag Schaden anrichten. Und ist die Temperatur zu hoch, so fließt es dahin, verflüchtigt sich auf Nimmerwiedersehen und man haut verzweifelt Löcher in die Luft.
Groß ist die Freude, wenn es gelingt. Ein eiserner Ring, vielleicht nicht so schön anzusehen wie ein goldener, aber in meinen Augen doch wesentlich solider. Echter irgendwie.
Und überhaupt: hat nicht die Entdeckung der Metallverarbeitung ganz neue Zeitalter in der Geschichte der Menschheit hervorgerufen? Ist nicht jeder dieser Entwicklungsschritte mit neuen "Goldenen Zeitaltern" einhergegangen? Aber, kein Preis ohne Fleiß, Räder müssen rollen für den Sieg und Wälder mussten gerodet werden, damit die Menschheit sesshaft werden konnte, nur so konnten sie den tieferen Geheimnissen des Lebens auf die Spur kommen, angefangen mit der Metallverarbeitung, bis hin zu Fahrzeugen, die uns in ungeahnte Höhen treiben.
Dumm war nur, dass dieses Wochenende viel zu kurz war. Oder aber auch zu lang, wie man es sieht. Auf jeden Fall lang genug, mich davon zu überzeugen, dass ich dieser Sache total verfallen bin und ich glattweg mein Haus in eine gemütliche Schmiede umbauen würde. In der Praxis aber war es leider, leider so kurz, dass mir außer einem eisernen Ring nichts gelungen ist. Schwer ist dieser, und ich wäre froh, wenn ich jemanden hätte, der mir beim Tragen helfen würde...
Nein, ich mag nicht akzeptieren, dass nur Rauch übrig geblieben ist, der mir in den Augen brennt. Ich will eigentlich gar nichts mehr akzeptieren. Irgendwie bin ich zu alt, mich bei der Schlange immer nur hinten anzustellen, und wenn mir ein Apfel angeboten wird, nehme ich jetzt gerne den ganzen Baum. Vielleicht sind es erste Anzeichen von Torschlusspanik, wer weiß das schon, aber ich möchte nicht vom Leben bestraft werden, weil ich zu spät komme; das will ich gerne anderen überlassen... ; )
/Text von ERwin Henkel/
/ehkl/akz/